Werner Kuhn, Kolloid-Zeitschrift 68.Band 1934, Heft 1



Über die Gestalt fadenförmiger Moleküle in Lösungen.

Von Werner Kuhn (Karlsruhe).

(Eingegangen am 18. Mai 1934.)



Die Ansichten, welche bisher über die mutmaßliche Gestalt fadenförmiger Moleküle in Lösungen vorgebracht worden sind, gehen zum Teil stark auseinander, und die Frage ist infolge von neueren Untersuchungen über die Viskosität und die Strömungsdoppelbrechung in Solen mit langgestreckten, kugeligen, starren oder deformierbaren Teilchen in ein besonders interessantes Stadium gekommen. Man ist auf Grund solcher Betrachtungen in der Lage, anzugeben, wie z. B. die Viskosität in Abhängigkeit vom Molekulargewicht sich verhalten muß1), sobald man über die geometrische Form der Einzelteilchen bestimmte Annahmen macht. Durch Vergleich mit der Erfahrung ist dann zu entscheiden, ob die gemachten Annahmen zutreffen oder nicht.

In dieser Weise kann mit Bestimmtheit die bis in die neueste Zeit von Staudinger vertretene Vorstellung2), daß die Moleküle hochpolymerer Stoffe, wie Kautschuk oder Zellulose, in Lösung als langgestreckte starre Fäden vorliegen, ausgeschlossen werden, und zwar auf Grund der von Staudinger selbst veröffentlichten Messungen über die Viskosität der Sole dieser Stoffe. Staudinger stellt nämlich bei Kettenmolekülen in dem Bereich, in dem noch Molekulargewichte nach den thermodynamischen Methoden ermittelt werden können, fest, daß die spezifische Viskosität hsp = h / ho - 1 gleichgewichtskonzentrierter Lösungen proportional dem Molekulargewichte der in Lösung gebrachten Stoffe zunimmt. Wären die Teilchen, wie Staudinger es annimmt, starr und gerade, so wäre 1/chsp


1) W. Kuhn, Kolloid-Z. 52, 269 (1933).
2) Vgl. z. B. H. Staudinger, Naturwiss. 22, 65, 84 (1934).

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