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Chimia 38 (1984) Nr. 6 (Juni)


Ich habe mich immer sehr bemüht, die Orientierung am Vorgehen von Werner Kuhn an meine Mitarbeiter weiterzugeben, die Tradition zu wahren. Ich glaube daher, dass es nicht Zufall ist, dass von meiner Arbeitsgruppe, ohne mein Zutun, zwei äusserst wichtige Entwicklungen ausgegangen sind, die Erfindung und Entwicklung des Farbstofflasers durch Fritz-Peter Schäfer und die Einzelkanalmesstechnik durch Erwin Neher. Der Farbstofflaser ist deshalb so wichtig, weil er die moderne Laserspektroskopie erst ermöglicht hat und, wie sich vor ganz kurzer Zeit gezeigt hat, in der Picosekundenspektroskopie zu entscheidenden neuen Möglichkeiten führt. Die Einzelkanalmesstechnik hat in der Neurophysiologie und in der gesamten Membranphysiologie einen Umschwung gebracht.

Herr Schäfer ist ganz im Geiste von Werner Kuhn vorgegangen, nicht nur, indem er am klassischen Oszillator überlegt hat, wie ein Farbstofflasereffekt zustande kommen müsste, sondern im ganzen weiteren Vorgehen, im exakten Durchdenken jeder Idee und im genauen Durchdenken der experimentellen Realisation. Er sagte mir öfters, mit welchem Gewinn er die Arbeiten von Werner Kuhn gelesen habe.

Werner Kuhn hat immer wieder gezeigt, wie man durch geschicktes Überlegen mit einfachsten Mitteln zu Grenzen experimenteller Realisierbarkeit voranstossen kann. In diesem Sinne habe ich nach Wegen zur Manipulation in der molekularen Dimension gesucht, zur Konstruktion molekular dimensionierter elektrischer und optischer Systeme und zum Ankoppeln der künstlichen Systeme an die Biomembran, und Herr Neher hat mit seiner Einzelkanalmesstechnik ein ausserordentlich nützliches Werkzeug für das Manipulieren im molekularen Bereich geschaffen.

Das reiche und erstaunlich vielfältige Werk von Werner Kuhn ist aus einem starken Bedürfnis entstanden, die Naturvorgänge um uns und in uns zu ergründen, und aus dem Bewusstsein, dass dieses Ziel nur durch sehr detaillierte Einzeluntersuchungen erreicht werden kann.

In seiner Rektoratsrede hat Werner Kuhn am Beispiel der Fadenmoleküle gezeigt, wie hier die Forschungsergebnisse auf einem engen Spezialgebiet die biologischen Wissenschaften entscheidend beeinflusst haben, und wie in dieser Weise - ich zitiere den Schlussatz seiner Rektoratsrede «auf einem Spezialgebiet bestimmte Vorstellungen entwickelt und gefestigt werden und diese Vorstellungen zusammen mit dem, was auf allen anderen Wissensgebieten vor sich geht, zur langsamen Wandlung unserer Lebensbedingungen und unserer gesamten Vorstellungswelt beitragen». Werner Kuhn hat an diesem Prozess in unvergleichlich vielfältiger und tiefgreifender Weise teilgenommen.

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