Copyright © Chimia
Chimia 38 (1984) Nr. 6 (Juni)


Werner Kuhn starb am 27. August 1963 an Herzversagen, mitten in seinem fruchtbaren Schaffen im Alter von 64 Jahren. Er hatte unter zahlreichen Ehrungen den Marcel Benoist-Preis erhalten, und war Ehrendoktor der Universitäten Kiel und Heidelberg und Mitglied mehrerer Akademien.

Werner Kuhn hat theoretische und experimentelle Probleme mit derselben Selbstsicherheit und Unvoreingenommenheit in Angriff genommen. Er war ein Meister der Improvisation, und dadurch gelang ihm die Lösung heikler experimenteller Probleme mit geringem Aufwand und einfachsten Mitteln. Werner Kuhn delegierte wenig. Ungefähr jeder Mitarbeiter war an einem anderen Projekt tätig. Er hatte keinen grossen Mitarbeiterstab, der seine Ideen weiter trug. Da Werner Kuhn ein Problem so unmittelbar anpackte und es durch gründliches Nachdenken ohne viel Literatur-Studium vorantrieb, fanden sich Autoren, die ähnliche Gebiete bearbeiteten, oft nicht zitiert, und das hemmte manchmal die Verbreitung seiner Arbeiten, obgleich ihm wichtig war, seine Ideen anderen mitzuteilen.

Werner Kuhn war begeistert von seiner Arbeit. Er trug seine Ideen mit grossem Engagement vor und wusste seine Zuhörer zu fesseln. Die erbarmungslose Konsequenz der logischen Schlüsse aus seinen Ideen führte oft zu Konfrontationen. Die Arbeit, deren wir nach 50 Jahren gedenken, beginnt mit der Feststellung, dass die von Staudinger vertretene Vorstellung, dass Moleküle wie Kautschuk oder Zellulose in Lösung langgestreckte starre Fäden seien, durch die von Staudinger selbst veröffentlichten Experimente ausgeschlossen würden. Das musste zu Schwierigkeiten führen, die noch Jahre später beim 60. Geburtstag von Staudinger ihren dichterischen Ausdruck «die Kuhn'schen Knäuel sind uns hier ein Greuel» fanden.

Mein zentrales Anliegen war es, zum Ausdruck zu bringen, was Werner Kuhn für uns heute ist. Ich versuchte die Arbeiten, die vergessen wurden, und die nach meiner Meinung auch jetzt noch viel Sprengkraft haben, etwas in Erinnerung zu rufen. Noch wichtiger erscheint es mir, seine Art Probleme zu sehen und anzupacken, wissenschaftliche Aufgaben zu lösen, besonders jüngeren Forschern nahe zu bringen.

Der Mut und die Unvoreingenommenheit, mit der Werner Kuhn in ein neues Gebiet einstieg mit der Grundüberzeugung, dass nicht umfangreiches Fachwissen, sondern Gründlichkeit im Durchdenken eines Problems und genaue Kenntnis der speziellen Verhältnisse entscheidend sind, war mir Richtschnur für die eigene Arbeit. Ebenso seine Tendenz, zu versuchen, den Kern der Sache durch Entwerfen eines sinnvoll vereinfachenden Modells zu erfassen, das Prinzipielle dadurch einzufangen, dass man einen speziellen Fall möglichst tiefgreifend durchdenkt statt imponierende allgemeine, aber im konkreten Fall nutzlose Formalismen aufzustellen.


Abb. 44: Werner Kuhn (1960)



S.209