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Chimia 38 (1984) Nr. 6 (Juni)


In Kopenhagen fand Werner Kuhn seine Gattin Caroline Laursen. Aus der glücklichen Ehe gingen die beiden Töchter Erika und Sigrid hervor.

Werner Kuhn habilitierte sich 1927 an der Universität Zürich für Physikalische Chemie mit einer Arbeit über die Stärke der anomalen Dispersion in Dämpfen von Kalium, Thallium und Cadmium [34]. Er arbeitete dann von 1927 bis 1930 an der Universität Heidelberg bei Karl Freudenberg, einem organischen Chemiker, der sich für Zucker und damit auch für optische Aktivität interessierte. Werner Kuhn wurde mit dem Problem konfrontiert, dass man die Konfiguration aller Zucker aufeinander und auf die Konfiguration der Milchsäure zurückführen kann, aber nicht wisse, ob d-Milchsäure sterisch gemäss Abbildung 34 links oder rechts gebaut sei. Er dachte nun daran, dass man jede absorbierende oder polarisierbare Gruppe im Sinn des Korrespondenzprinzips durch einen klassischen Oszillator ersetzt denken könnte und dass diese Ersatzoszillatoren in einem solchen Molekül asymmetrisch gekoppelt sein müssen.


Abb. 34: Absolute Konfiguration von Milchsäure. Nach dem Modell der gekoppelten Oszillation muss die d-Milchsäure der Form links entsprechen.


Er überlegte nun in aller Sorgfalt, was passieren müsse, wenn man ein solches Modell aus Ersatzoszillatoren in das Feld einer Lichtquelle bringt, wie die Ersatzoszillatoren gekoppelte Schwingungen ausführen und wie es dadurch zur Beeinflussung des Feldes der Lichtquelle, zur zirkularen Doppelbrechung und zum Zirkulardichroismus, kommen muss. So entstand seine bekannte Theorie der optischen Aktivität [35], die ihn später zu der Aussage führte, dass die Form links der d-Milchsäure entspricht [36]. Er gab dadurch eine Antwort auf eine Frage, die die Chemiker seit Pasteur immer wieder beschäftigt hatte. Er überlegte sich in Heidelberg, dass beim Bestrahlen eines Razemats mit zirkular polarisiertem Licht, dessen Wellenlänge in den Bereich einer Absorptionsbande fällt, der eine Antipode etwas stärker absorbieren muss und sich daher auch schneller photochemisch zersetzen sollte als der andere, dass also durch Bestrahlen von Razematen die Erzeugung optisch aktiver Stoffe möglich sein müsse. Das gelang ihm und seinen Mitarbeitern Braun und Knopf tatsächlich, und so konnte zum ersten Mal eine optisch aktive Verbindung, allerdings nur in winziger Konzentration, aus inaktivem Razemat photochemisch hergestellt werden [37] (Abb. 35).


Abb. 35: Herstellung einer optisch aktiven Substanz durch photochemische Zersetzung


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