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Chimia 38 (1984) Nr. 6 (Juni)


Forschung, Wissenschaft




Leben und Werk von Werner Kuhn*
1899 - 1963



Hans Kuhn Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie, Postfach 2841, D-3400 Göttingen-Niklausberg

*Nach einem Vortrag, gehalten am Werner-Kuhn-Symposium, das von der Schweizerischen Chemischen Gesellschaft am 23. März 1984 in Basel veranstaltet wurde.
Abb. 1: Werner Kuhn (1949)


Das Lebenswerk von Werner Kuhn ist so vielseitig, und seine Arbeiten haben eine Ausstrahlung auf so unterschiedliche Bereiche, dass es mir unmöglich ist, in der zur Verfügung stehenden Zeit dem Inhalt und der Bedeutung dieser Arbeiten auch nur einigermassen gerecht zu werden. Sie umfassen Probleme der Kernphysik, der physikalischen Chemie, technologische Prozesse, Probleme der Biophysik und Physiologie und der Geophysik.

Ich möchte daher so vorgehen, dass ich die wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise von Werner Kuhn, wie ich sie im Kontakt mit ihm erlebt habe, darzustellen versuche, um so an einem kleinen Ausschnitt aus seinem gewaltigen Werk ein möglichst lebhaftes Bild seines Wirkens zu geben. (Ich bitte um Verständnis dafür, dass bei diesem Vorgehen naturgemäss gemeinsame Arbeiten von Werner Kuhn und mir eingehender als andere besprochen werden). Von da aus möchte ich dann die entscheidenden Zielsetzungen im Lebenswerk von Werner Kuhn betrachten, was dieses Werk in heutiger Sicht bedeutet, welche Impulse die Arbeiten ausgelöst, welche Gebiete sie in besonders hohem Mass bereichert haben.


Abb. 2: Zufallsgestalt eines Fadenmoleküls


Als ich Werner Kuhn vor 42 Jahren in Basel fragte, ob ich bei ihm doktorieren dürfe, er war damals 43jährig, drückte er mir zur Einführung eine Arbeit in die Hand mit dem Titel «Über die Gestalt fadenförmiger Moleküle in Lösungen» [1]. Es war die Arbeit, deren Erscheinen vor genau 50 Jahren zum Anlass für die heutige Tagung gewählt wurde und zwar auf Grund einer Anregung von Alexander Silberberg. Etwas später gab mir Werner Kuhn die Korrekturfahnen einer Arbeit mit Franz Grün [2] zum Lesen. In der ersten Arbeit ging Werner Kuhn davon aus, dass ein Fadenmolekül (Abb. 2) wegen der freien Drehbarkeit um die Bindungen als Achsen eine Vielzahl energiegleicher Konfigurationen annehmen kann.

S.191